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AV-Dialog_2016-3

Eine Mikroskop-Aufnahme von Bakterien oder ein Gemälde von Jackson Pollok ist ohne Vorkenntnisse nicht identifizierbar. In Wirklichkeit zeigt das linke Bild ein Staubtuch und das rechte ein Gekleckse des Autors. So bedürfen Bilder manchmal der Aufklärung. 18 AV Diese Szene ist identifizierbar, aber es braucht einige Zeit www.av-dialog.de Forum braucht man Zeit, sie zu erkennen. Andere Bilder versteht man erst nach längerem Betrachten. Im Vordergrund ein spielendes Kind auf der Straße, dahinter unscharfe aber grelle Autoscheinwerfer, sie lassen uns die Gefahrensituation erst nach Sekunden erkennen. Das Fundament von AV-Schauen ist diese Vertiefung in ein Bild! Dann läuft die Schau weiter: Wie kann ich die Aussagen zweier Bilder miteinander verbinden oder in Beziehung setzen? Am Ende: Habe ich mit einer Reihe von Bildern eine Geschichte erzählt, eine Aussage gemacht, eine (künstlerische) Form gefunden? Ist es gelungen, bei meinen Zuschauern eigene Gedanken auszulösen, anzuregen? Das Versinken in eine AV-Schau erfordert eigene Grips- Arbeit beim Betrachter, das ist bei „Film“ nicht zwingend notwendig. Das war AV. Wie ist das jetzt beim Filme-Betrachten? Haben wir beim „Filmgucken“ die Zeit, die Bilder ruhig zu analysieren? Meistens nicht. Wenn wir AV mal als 200 Lichtblitze in zehn Minuten sehen, dann ist Film ein ununterbrochen leuchtender Scheinwerfer von zehn Minuten. Das erfordert und bewirkt verschiedene Betrachtungsweisen. Beim Film kommt es darauf an, dass es dem Macher gelungen ist, mir diesen steten Fluss von Bildern/Szenen so in einen kausalen Zusammenhang zu stellen, dass ich ihn nachvollziehen kann. Wir alle haben in den letzten Jahrzehnten viel gelernt, wir sind geübt: 100 Jahre Kino und 70 Jahre Fernsehen haben uns so geschult, dass wir nicht mehr schreckerfüllt aus dem Kino laufen, wenn in La Ciotat ein Zug auf uns zurollt wie 1896 bei den Gebrüdern Lumière.


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