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AV-Dialog_2016-3

19 AV AV-Dialog 3/2016 Forum Heute fragt sich kaum noch einer bei der Fernsehwerbung: Was hat das schlafende Baby und die es zärtlich betrachtende Mami mit der nächsten Szene zu tun: ein Auto rast mit 210 Sachen auf der Autobahn vorbei? Wir alle wissen heute, das Baby träumt selig in Morpheus Armen und sicher in einem Cermedes Bonz mit Sicherheitspaket und Auffahr-Bremsen-Automatik! Wir erwarten Geschichten! Und mit der Zeit hat sich längst ein Durchschnittsgeschmack festgelegt: Am leckersten finden die Zuschauer einfache Geschichten mit klaren Standpunkten, entweder gut oder böse, Küsse, Morde, Gier, Neid, Betrug, Gemeinheiten, die aber am Ende bestraft werden, Siege und Niederlagen, ungewollte Schwangerschaften und ihre Entstehung in Nahaufnahmen, Erbschaftsstreit, soziale Anklagen, die aber mit Happy End enden, und natürlich Helden, Schurken, untreue Ehefrauen, (spannender, weil es untreue Ehemänner schon ewig gibt), niedliche Katzen, Hunde, Esel und den Tod – und exotische Länder, die mit luxuriösen Schiffen besucht werden. Komplizierte Seelenlagen, wie einst von Ingmar Bergmann oder Luis Bunuel oder Lars von Trier in Filmen heraufbeschworen, wollen wir weniger. Und so sind auch die Anforderungen an Amateurfilme eher bodenständig. Unsere Gespräche und die unserer Juroren schweifen selten in die Höhen oder Tiefen der Themen von Sigmund Freud, auch weniger in die Sphären philosophischer Satzgespinste oder gar dialektischer Wortverdrehung. Damit Sie mich richtig verstehen: Das sollen und müssen Juroren auch nicht, das würden wir Autoren sowieso nicht verstehen! Wir sind ja keine Filmwissenschaftler. Wir unterhalten uns in den bewährten Fundamenten unserer Hobbyebene und lassen uns manchmal täuschen, wenn wir Kunst sehen, wo keine ist oder wir sie in Rätselhaftes aber Nichtiges hineininterpretieren. In den letzten Jahren sind die Kontakte zwischen BDFA und AV gewachsen. Es kommt schon oft vor, dass AV-Schauen in BDFA-Wettbewerben gezeigt werden. Und da sitzen Zuschauer und Jury vor der Aufgabe, solche Schauen zu besprechen und zu bewerten. Die meistgehörte Bemerkung bei Zuschauern und auch Juroren war bisher: In dem „Film“ fehlt mir die Bewegung! Im Anfang wurde ja kaum in den Programmheften angekündigt, dass es sich bei einem Werk um eine AV-Schau handelt. Klar hervorgehoben steht es aber auch heute noch nicht in den Programmen. Ich finde, dass AV-Schauen, wenn mehrere in einem Wettbewerb laufen, in einer klar gekennzeichneten Gruppe vorgeführt werden sollten. Meine Forderung lautet: Mindestens ein Juror muss aus dem Kreise der AV-Macher kommen, oder es müssen Juroren von uns geschult werden, die die Szene aus dem 1896 gedrehten Stummfilm von den Gebrüdern Lumière, bei der sich die Kinobesucher noch erschrocken haben.


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